DIE GESCHICHTE DER STADT SCHRATTENTHAL

 

 

 

 

Der Besiedlung unserer Gegend erfolgte durch Bayern und Franken. Nach dem Friedensschluss von 1041, bei dem die Thaya- und Marchgrenze festgelegt wurde, entstand in unserem Gebiet die Grenzmark „Grafschaft Hardegg", welche als solche stark befestigt wurde. In diesen Rahmen gehörte östlich des Manhartsberges am Rande eines Sumpfes die Siedlung Schretental mit einer Feste.


Die erste bekannte urkundliche Nennung erfolgte 1220 anläßlich einer Schenkung von Äckern und Weingärten versus villam Schratental Graf Konrads von Hardegg an das Wiener Schottenkloster.


Im Jahre 1382 waren die Grafen von Schaumburg Besitzer der Burg und verkauften diese an den Grafen von Hardegg. Die folgenden Besitzer von Schrattenthal waren deren Lehensträger.
Im Jahre 1425 unternahmen die Hussiten Kriegszüge nach Österreich. Sie belagerten und zerstörten die Stadt Retz, dabei wurde auch Schrattenthal verwüstet. Das Gelände vor der Burg heißt noch heute „Hussen".

 

An Bedeutung gewann Schrattenthal, als im Jahre 1434 Ulrich Eitzing (aus einem bayrischen Rittergeschlecht stammend; der Ort Eitzing liegt nahe bei Ried im oberösterreichischen Innviertel) Burg und Herrschaft erwarb. Er war Burghauptmann von Eggenburg und Znaim und besaß in unserer Gegend bereits die Herrschaft Kaya.

Nach der Besitznahme entwickelte er eine rege Bautätigkeit, die Feste wurde zu einer Wasserburg umgebaut und stark erweitert, der mächtige Bergfried, der „Hungerturm", errichtet und die Befestigung des Dorfes begonnen. Die Sümpfe rund um Schrattenthal wurden in ausgedehnte Fischteiche umgewandelt.

In Schrattenthal gab es bereits die Kapelle zu „Unserer Lieben Frau", eine Filiale der Schottenpfarre Pulkau. In den Jahren 1436 - 1438 erbaute Ulrich Eitzing in der Wasserburg die Wehrkapelle zum heiligen Martin.

1439 wurde sein Geschlecht in den Freiherrnstand erhoben und Schrattenthal erhielt die fürstliche Freiung.

Ulrich von Eitzing, der immer mehr Güter zwischen Donau und Thaya erwarb, machte Schrattenthal zu seinem Hauptsitz. Bereits 1437 war er an den herzoglichen Hof berufen und zum Hubmeister ernannt worden. In der Folge war er einer der mächtigsten Berater Herzog Albrechts V. und gehörte zu den Räten, die in dessen Abwesenheit das Land verwalteten.


Ulrich von Eitzing erbaute neben der Filialkirche, die auf seine Bitte von Papst Eugen IV. einen besonderen Ablass erhielt und zum Wallfahrtsort wurde, eine Kirche und verband beide Gotteshäuser miteinander. Um auch kirchlich unabhängig zu sein löste er Schrattenthal aus der Schottenpfarre Pulkau und gründete 1452 eine Weltpriesterpfarre. Im Stiftsbrief wird auch die Gründung einer Schule in Schrattenthal angeordnet.


Als Kaiser Albrecht II. auf einem Feldzug gegen die Türken im Jahre 1439 an der Beulenpest starb, kam es um den Sohn Albrechts, Ladislaus Postumus, zwischen (dessen Vormund), dem neuen Kaiser Friedrich III. und den österreichischen Ständen unter der Führung von Ulrich von Eitzing zu der bekannten „Mailberger Revolte", die sich weit ausbreitete und auch die Stadt Wien erfasste.
1452 belagerten die Aufrührer den Kaiser in Wiener Neustadt. Friedrich III. musste Ladislaus den Ständen übergeben. Als dieser 5 Jahre später an der Pest starb, kam es zu neuerlichen Streitigkeiten mit den Ständen; dabei wurde 1458 Freiherr Ulrich von Eitzing vom Bruder des Kaisers, Herzog Albrecht VI., gefangen genommen. Dies erregte großes Aufsehen und zu dessen Befreiung erschien der Böhmenkönig Georg Podiebrad mit einer Streitmacht in Österreich.

Ulrich von Eitzing wurde freigelassen, lebte dann in Schrattenthal und starb 1460 an der Pest. Er wurde in der Gruft der Pfarrkirche beigesetzt.


Die Herrschaft übernahm sein Bruder Stephan. Auch er war bestrebt, weiteren Besitz zu erwerben und Schrattenthal auszubauen.

 

 

 

Stadterhebung


Am 18. September 1472 erhebt Kaiser Friedrich III. zu Wiener Neustadt das Dorf Schretental zu einer untertänigen Stadt:

 

 


"die Leute, so darin wohnen und häuslich sitzen werden zu Bürgern, gibt ihnen Stadt- und Bürgerrecht, auch ein Jahrmarkt am St. Matthäustag, 21. September mit fürstlicher Freyung 14 Tage vorher, 14 Tage nachher - dann einen Wochenmarkt alle Dienstag."

 

 

"Das Stadtwappen soll seyn: nämlich ain weisser schilt; in dem Grunde ain vells entspringend, darauf zwen turn mit Zynnen, ainer swarz, der ander rot, in starkch die in mitten über mit ainer guldein Keten zusam gevast; die tür daran gehalbirt und in swarzer rotten und weisser varben verkehrt."

 

Mit dem Stadtrecht war auch das Recht auf Jahr- und Wochenmarkt verbunden. Schrattenthal lag am alten Verkehrsweg von Krems nach Mähren, der für den Handel mit Eisen, Salz und Wein wichtig war. Im nahen Pulkau kreuzte sich dieser Handelsweg mit dem von Wien nach Prag.

 

 

 

11. 4. 1670, Wien: Kaiser Leopold 1. bestätigt bei gleichzeitiger Erwähnung der Vorurkunde Friedrichs III., 1472, die Stadterhebung und die Marktrechte von Schrattenthal (Original-Pergament mit Kalsersiegel, Stadtarchiv Retz)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   Siegel der Stadt Schrattenthal

 

 

 

Im Jahre 1476 erhob Stephan von Eitzing die Pfarrkirche zu einer Augustiner Chorherren -Propstei. Unter dem Propst Millius entstand hier das älteste Druckwerk Niederösterreichs, ein Andachtsbuch von den „Sieben Schmerzen Mariens".
Stephan von Eitzing starb 1504, ihm folgte sein Neffe Michael als Lehensträger der Eitzinger nach, dieser übergab Schrattenthal seinem Neffen Stephan II.


Michael erhielt 1509 die Herrschaft Retz. Mit den Bewohnern der Stadt Retz geriet er alsbald in Streit, da er die Rechte der Bürger schmälern wollte. Es war die Zeit der Neuerungen des Kaisers Maximilian I. Dieser wollte die Macht der Stände schmälern und ein Beamtenregierung einsetzen. An der Spitze der Stände, die sich vehement für ihre Rechte einsetzten, stand Michael von Eitzing. Nach dem Tode Maximilians erhielt Ferdinand I. die Herrschaft über Österreich. Ferdinand, der in Spanien erzogen worden war, erklärte die Stände für Rebellen, ließ ihre Führer gefangen nehmen und schuldig sprechen. Zwei von ihnen, Freiherr Michael von Eitzing und Johann von Puchheim, sowie zwei Führer der Wiener Bürgerschaft wurden im Jahre 1522 zu Wiener Neustadt enthauptet.


Im Jahre 1533 führte die Verbreitung der Reformation in unserem Gebiet zur Austreibung der Augustiner Chorherren aus dem Kapitel in Schrattenthal. Die Lehre Martin Luthers gewann rasch Anhänger. 1563 traten auch die Eitzinger öffentlich zum Protestantismus über. Im Burghof wurde eine evangelische Kirche errichtet und aus der Pfalz ein Prediger berufen, der zugleich auch Schulmeister war. Schrattenthal wurde in der Folge ein Hauptort des Protestantismus.


Die Freiherren von Eitzing gewannen wieder die Gunst der Herrscher und wurden mit wichtigen Staatsämtern betraut. Michaels Sohn, Ulrich II., wurde am kaiserlichen Hof in Madrid erzogen und stand in hoher Gunst bei Kaiser Maximilian II., der wiederholt zur Jagd in Schrattenthal weilte.

 

Richterstab aus dem Jahre 1682, das Zeichen der Würde des Stadtrichters bis 1848
Richterstab aus dem Jahre 1682, das Zeichen der Würde des Stadtrichters bis 1848

Die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts war von steten Religionswirren erfüllt, das 17. Jahrhundert begann stürmisch und trieb mit dem Ausbruch des 30jährigen Krieges (1618 - 1648) zur Katastrophe. Als ein Teil der evangelischen Ständeherren mit den Eitzingern an der Spitze dem Kaiser die Huldigung verweigerten, wurden diese nach dem Sieg der Kaiserlichen über die Protestanten am Weißen Berge bei Prag ihres gesamten Besitzes verlustig erklärt und des Landes verwiesen. In diesen Wirren starb in Schrattenthal der letzte Eitzinger, Christoph Phillip. Die Witwe musste ihren Besitz an den Kaiser verkaufen.


Im Jahre 1621 übernahm die Gemahlin des Kaisers, Eleonore, die Herrschaft Schrattenthal und schenkte diese ihrer Oberhofmeisterin Oktavia Gräfin Strozzi.


Mit dem Einsetzen der Gegenreformation wurde auch versucht, die Propstei in Schrattenthal wieder zu errichten. Herrschende Wirren, durch den Krieg bedingt, und der Brand der Kirche samt Pfarrhof machten den Plan undurchführbar. Die Pfarre wurde vorübergehend mit Obermarkersdorf vereinigt, doch blieb dieses Provisorium auch nach dem Krieg bestehen.

Durch durchziehende Söldner, durch Kriegslasten und Pestseuchen nahm die Verödung der Ortschaften ständig zu.


Gegen Ende des 30jährigen Krieges unternahmen die Schweden einen Vorstoß gegen Wien und kamen im Jahr 1645 auch nach Schrattenthal. Nach kurzer Belagerung wurde die Stadt von ihnen besetzt und der schwedische General Torstenson errichtete in der Burg sein Hauptquartier.


In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts setzte durch den neuen Besitzer, Freiherr Putz von Adlersthurm, der Wiederaufbau der zerstörten Stadt ein. Die Wehranlagen wurden ausgebessert, da das Land durch Einfälle der Türken bedroht war.

Erst mit dem Eintritt ruhigerer Zeiten (um 1750) unter Maria Theresia begann man, die Wehranlagen aufzulassen und den ohnehin beschränkten Raum zum Bau von Häusern und den Stadtgraben für die Anlage von Weinkellern freizugeben. Die Burgtore und das Retzer Tor wurden zum Teil abgebrochen, an Stelle der Zugbrücken wurden Brücken mit Heiligenstandbildern errichtet. 1730 entstand die mächtige Kreuzigungsgruppe des Kalvarienberges, zahlreiche Wegmarterl und Wegkreuze folgten. Die einstige Wasserburg wurde in ein Wohnschloss umgebaut, die Teiche um die Burg wurden zum Teil abgelassen und in Ackerland verwandelt. Durch die Tochter des Freiherrn Putz von Adlersthurm, Gräfin Maria Theresia von Hartig, wurden Schlosspark und Fasanerie errichtet. Es war die Blüte des Barocks.


Da die Häuser meist mit Schindeln und Stroh gedeckt waren, entstanden verheerende Feuersbrünste, wie solche aus den Jahren 1664 und 1783 gemeldet werden. 1783 brannte auch die Pfarrkirche ab und das gotische Langschiff stürzte ein. Nach dem Brand wurden die Wehranlagen endgültig aufgelassen und die Steine zum Aufbau der eingeäscherten Häuser verwendet. Die josefinischen Reformen brachten den Abbruch der alten Kapelle „Unserer Lieben Frau", der Friedhof wurde außerhalb der Stadt neu angelegt, das Langschiff der Pfarrkirche im spätbarocken Stil neu aufgebaut.

Die Pfarre, die seit 1621 mit der von Obermarkersdorf vereinigt war, wurde neu gegründet und im Burggelände der Pfarrhof errichtet.

 

Im Jahre 1803 erwarb Graf August Attems die Herrschaft. Zahlreiche Bauteile des Schlosses im Baustil des Klassizismus entstammen seinem Aufbauwillen.

Doch machten die Napoleonischen Kriege dem Werk ein Ende. Schon 1797 zogen Russen unter General Suworow und 1805 unter General Kutusow durch Schrattenthal gegen Frankreich. In diesen Kriegen, in denen napoleonische Armeen von Wien gegen Znaim marschierten, wurde unser Gebiet stark in Mitleidenschaft gezogen.


Mit dem Ende der alten Herrschaftsstrukturen (Grundherrschaft, Gerichtsbarkeit) im Jahr 1848 verlor die Stadt an Bedeutung. Auch die im Jahre 1833 erbaute „Commerzstraße" Znaim - Krems verlor im Zeitalter der Eisenbahnen an Wichtigkeit. Gleichzeitig entstand Schrattenthal als selbstständige Stadtgemeinde.


In den darauffolgenden Jahrzehnten wurde in Schrattenthal wenig Neues geschaffen aber auch wenig zerstört. Darum behielt unsere Stadt ihren mittelalterlichen Grundriss und sein idyllisches Gepräge.

 

 

1964 von Raimund Oblistil * geschrieben,

2009 von Dr. Gerhard und Judith Hruby überarbeitet


* Raimund Oblistil,1903 - 1980, "Chronist von Schrattenthal", sammelte ortsgeschichtliches Material und schrieb die Geschichte Schrattenthals nieder.