Von Irrlichtern . . . und Wassergeister
Sagenhaftes aus dem Eitzinger Land


Von Irrlichtern . . . .

 

Wo sich heute fruchtbare Felder in breitem Bogen um Schrattenthal ausdehnen, erstreckten sich vor vielen hundert Jahren weitläufige Sümpfe. Soweit das Gelände nicht zu den Anhöhen des Manhartsberges oder zu den Granitkuppen des Pillersdorfer Hügellandes anstieg, machten die wasserreichen gewundenen Läufe des Schrattenbaches und des Füllbaches den ganzen breiten Talboden zu einem Meer aus Schilf, nur unterbrochen von ölig glänzenden Wasserflächen und Löchern voll schwarzem Schlamm. Ob es hier im Sommer grün flüsterte und rauschte, ob es im Winter braun und trocken raschelte, immer war diese weite Schilfebene erfüllt von geheimnisvollen Geräuschen.
Die Wege, die entlang dieser Sümpfe zu den Nachbardörfern führten, zu benützen, war zu manchen Zeiten ein Wagnis. Nicht nur, dass das unübersichtliche Gelände Wegelageren und anderem lichtscheuen Gesindel Unterschlupf und günstige Gelegenheit für Überfälle gewährte. Noch mehr gefürchtet waren unbestimmbare Wesen von der Art der Geister, die hier ihr Unwesen trieben, und der Wanderer, Fuhrmann oder Reiter, der nach Sonnenuntergang oder an trüben Tagen festen Boden unter oder die Lichter und Laute des nächsten Dorfes vor sich erkannte, atmete erleichtert auf.
Er durfte dankbar sein dass ihm keine trübe Lichtgestalt über schwankendem Wiesengrund seine Sinne verwirrt oder eine schattenhafte Erscheinung eine unerklärliche Sehnsucht wachgerufen und ihn von seiner Richtung abkommen lassen hatte. Diese Wesen waren Irrlichter, deren Körper von kleinen Flammen oder von Nebelfetzen gebildet wurden; von den Bewohnern der umliegenden Orte wurden sie als Schrate oder Schreteln bezeichnet. Wenn sich dann plötzlich dichte weiße Schleier aus dem moorigen Boden aufhoben und den Abgeirrten einhüllten, so war er verloren, denn die Sumpfgeister gaben keinen mehr frei, der in ihr Reich eingedrungen war.
Erst als nach den blutigen Hussitenkriegen das tatkräftige Rittergeschlecht der Eitzinger Burg und Dorf Schrattenthal wieder aufbaute und mit festen Mauern umgab, verschwanden die großen Schilfwälder und mit ihnen die Schreteln und Irrlichter. Nur im Namen der neugegründeten Stadt lebt die Erinnerung an sie fort.
Die neuen Herren ließen von ihren Untertanen in harter Arbeit Dämme und Gräben durch das Sumpfgebiet anlegen. So entstand eine Anzahl von Teichen und kleinen Seen, in denen die Eitzinger eine gewinnbringende Fischzucht betrieben. Aber nicht nur Karpfen und Schleien, Welse und Krebse bewohnten das geheimnisvoll-nasse Reich. Wie zuvor im Schilf und Moor die Sumpfgeister waren jetzt in den Teichen die Wassergeister, Nixen und Wassermänner, zu Hause.

 

 

. . . und Wassergeistern


Vor einer Begegnung mit den zauberhaften Nixen fürchteten sich die Menschen, wie vor allem Fremd- und Andersartigen. Ihre anmutigen und schlanken Körper waren von einer Ausstrahlung, die als bedrohlich und verlockend zugleich empfunden wurde.

Ein herrschaftlicher Jägersmann belauschte einmal am Ufer eines Teiches eine Nixe, die dort im Mondlicht saß. Auf seine flehentliche Bitte, und weil ihr der junge Mensch gefiel, floh sie nicht ins Wasser zurück. Sie begegneten sich bald, sooft die Nacht hell war. Das ging so den ganzen Sommer, bis das erste Eis auf dem Teich lag. Im Frühling wartete der Jäger aufs Neue, aber vergebens. Nur einmal tauchte die Nixe aus dem Wasser und rief ihm zu: Was ich war und was du bist, wirst du finden auf der Schwelle deines Hauses. Dort lag ein kleines Mädchen in einem Weidenkorb vor seiner Tür. Weil seine Augen und Haare so grünlich und golden schimmerten wie die der Nixe, erkannte er ihr und sein Kind.
Es wuchs bei der Schwester des Jägers auf, und als es größer geworden war, erzählte es seinem Vater, dass in Vollmondnächten eine schöne Frau an sein Bett käme und ihm wundersame Lieder vorsinge. Da lauerte der Mann dem nächtlichen Besuch auf, konnte aber nie mehr als einen huschenden Schatten erkennen. Endlich richtete er eine Falle aus Netzen auf, jedoch am Morgen war sie zerrissen. Die Nixe blieb von nun an aus, das Mädchen aber zog es immer wieder an jenen Teich, und als es herangewachsen war, kehrte es einmal nicht mehr nach Hause zurück. Der Jäger, der sich keine Frau genommen hatte, verweilte noch viele Stunden an dem Wasser. Endlich, nach Jahren, war auch er verschwunden; nach dem Kind hatte die Nixe auch ihren Mann zu sich geholt.
Dagegen waren die Wassermänner nur geeignet, unfolgsamen Kindern zu drohen, und Schreck einjagen konnten sie einem schlimmstenfalls bei einer überraschenden Begegnung. Ihre plumpen kleinen Leiber waren mit Fischschuppen bedeckt und zwischen den langen Fingern und Zehen hatten sie große grüne Schwimmhäute. Man hielt sie für neugierig, harmlos und hilfsbereit, und mehr als einmal hatten ein Wassermann oder eine Wasserfrau Badende, die sich in den Stengeln der Seerosen verstrickt hatten, vor dem Ertrinken bewahrt.
Ihre besondere Vorliebe galt dem vorzüglichen Schrattenthaler Rotwein (kein Wunder bei dem vielen Wasser, das sie tagaus tagein zu schlucken hatten), und es konnte vorkommen, dass in nebligen Herbstnächten zu später Stunde so ein feuchter Geselle, wo er ein Licht sah, die Kellerstiege herunterplatschte. Der Weinhauer, dem solches widerfuhr, war gut beraten, den Gast freundlich aufzunehmen, wollte er sich nicht irgendeinen Schabernack der Wassermänner einhandeln.

 

Einmal lud ein Bauer, dem eine Wasserfrau sein bestes Fass leergetrunken hatte, die Schlafende in ihrem Rausch auf einen Schubkarren, fuhr mit ihr am helllichten Tag durch die ganze Stadt und verhöhnte sie laut vor allen Hinzugelaufenen. Als er wenige Tage später abends heimkam, fand er überall in seinem Haus, wohin er im Dunkeln tappte, nur nasse und glitschige Fische. In der Tischlade, im Brotkorb, im Schrank und in der Truhe waren Fische, in der Selch hingen Fische anstelle von Fleisch und Speck, und als er zornig seine Frau wecken wollte, ergriff er nichts als kalte Flossen und Schuppen.
In späterer Zeit wurden die Teiche abgelassen und nach und nach in Ackerland gewandelt. Damit ging auch den Wasserleuten ihr Lebensraum verloren, und sie wanderten in für sie freundlichere Landstriche aus. Der letzte Wassermann soll einsam in dem Mühlenteich bei der einstigen Hanlmühle gelebt haben, wie es heißt, wegen der schönen Müllerstochter, die dort jeden Abend ihre Lieder gesungen hat.
Nach einer anderen Überlieferung kamen die wunderbaren Gesänge, die in manchen Nächten zu hören waren, von einer verwunschenen Wasserjungfrau. Es war die Seele eines Bauernmädchens, das in seiner Not aus unglücklicher Liebe in den Wellen den Tod gesucht hat. Zur Sühne für ihre Tat musste sie als Nixe in dem Teich leben und durch ihre Lieder unerfüllbares Verlangen wachrufen, bis einmal ein Jüngling aus Erbarmen das gleiche Los mit ihr teilte.
Nach hundert Jahren endlich bewegte das zauberische Singen einen jungen Burschen sosehr, dass er den Klängen im Schilf nachgab und der Nixe ins Wasserfolgte. Seine beiden Freunde wollten ihn zurückhalten, aber es war umsonst und sie versanken alle drei in der Tiefe des Teiches. Am andern Tag fand man die Ertrunkenen am Ufer ausgestreckt. Das unselige Mädchen, die Nixe im Hanlteich, aber hatte nun seinen Frieden gefunden.