Eitzings Traum


Vor vielen hundert Jahren zog ein junger Reiter die Donau abwärts ins österreichische Land. Sein uraltes Geschlecht war verarmt und er besaß nichts als sein Schwert und sein braves Pferd, aber auch einen unbeirrbaren Willen, Reichtum und Macht zu erwerben, auf welche Weise auch immer. In einem Traumbild war er sich selber begegnet, wie er, auf zwei Burgen stehend, die durch einen Fluss getrennt jede in einem anderen Land einander gegenüber lagen, Herr des ganzen Reiches war.
Er gelangte schließlich in die vom Krieg verwüstete Gegend zwischen Thaya und Pulkau. Durch große Tapferkeit brachte er es bald zum Hauptmann der Verteidiger, und die schwer geschlagenen Feinde wurden aus unserer Heimat vertrieben Der Kaiser selbst gab ihm die zerstörten Burgen Kaja und Neuhaus auf beiden Seiten der Thaya zu Lehen unter der Bedingung, sie wieder aufzubauen.
So kam der Ritter Ulrich Eitzinger binnen kurzer Zeit zu Ansehen und Besitz, und er vermochte Barbara, die schöne Tochter eines der reichsten Bürger des Landes, zur Frau zu gewinnen. Nach wenigen Jahren hatte er bereits eine große Zahl von Schlössern und Gütern unter seine Herrschaft gebracht, darunter auch die zerstörte Burg zu Schrattenthal. Hier gefiel es ihm, seinen Wohnsitz zu wählen, und er ließ ein stattliches Schloss, mehrere Kirchen und um die neugegründete Stadt starke Befestigungen errichten.
Sein Vermögen war endlich so angewachsen, dass es nur mehr von seiner Gier nach Macht übertroffen wurde, ja er zählte als der mächtigste Mann im Land Osterreich, und der Adel, die Klöster und die Städte fügten sich seinen Anordnungen. Er war in ein Bündnis mit den Königen von Ungarn und Böhmen eingetreten und es galt die Wette, er selbst wolle noch Herzog des Landes werden.
Deshalb konnte es nicht wunder nehmen, dass über Ursache und Herkunft seiner Reichtümer manche Gerüchte umliefen. Von Betrug und Gewalttat war die Rede, von geheimen Schätzen und von gefangenen Handelsherren, die bis zur Zahlung eines Lösegeldes im unbezwingbaren Burgfried, dem Hungerturm, dahinschmachteten. Ja er soll sogar mit dem Teufel selbst einen Pakt geschlossen haben. Wenn damals von Ulrich von Eitzing gesprochen wurde, nannte man ihn nur den Dämon Österreichs.
Auf dem Gipfel seiner Herrschaft entfesselte er einen Krieg gegen den Kaiser und belagerte ihn mit einem großen Heer in Wiener Neustadt. Zwar konnte dieser der Gefangennahme entgehen, aber die Macht des Aufrührers war ungebrochen und größer als je zuvor, er vergab weiterhin Güter, Rechte und Titel, besteuerte Städte und Einkünfte und führte mit seiner Geliebten ein verschwenderisches und zügelloses Leben.
Doch nun war das Maß des Herrn auf Schloss Schrattenthal bis zum Rande gefüllt. Seine Gewalttaten und Ausschweifungen ließen zuletzt auch die Bürger und die kleinen Adeligen, deren Hoffnungen er bisher zu nähren gewusst hatte, sich von ihm abwenden. Daraufhin stellte sich der Mächtige, seinem Traum folgend, ganz auf die Seite des Böhmenkönigs. Aber seine Gegner verschworen sich zu einer List und nahmen ihn, als er ahnungslos mit dem Kaiser verhandeln wollte, gefangen.
Wohl fiel Eitzings Verbündeter mit seinen Truppen in Österreich ein und erzwang seine Freilassung, doch ging er fast all seiner Besitzungen verlustig. Verlassen von seinen letzten Freunden zog er sich nach Schrattenthal, das ihm verblieben war, zurück und starb bald darauf, von der Pest befallen, einen schlimmen Tod.
Den zahlreichen Nachkommen des Eitzingers gelang es, Rang und Wohlstand der Familie wieder zu festigen, für eine Zeit. Unter ihren Mitgliedern waren, in verschiedenen Ämtern und mit mancherlei wichtigen Aufgaben betraut, bedeutende Männer und Frauen. Und doch schien es immer wieder, dass der Traum des Ulrich Eitzinger vielmehr als Fluch in Erfüllung gehen sollte.
Es war ein Merkmal der Eitzinger, dass sie immer fest zusammenhielten und füreinander eintraten. So konnte es auch sein, dass einmal zwei Brüder gemeinsam das Erbe von Burg und Stadt in Schrattenthal antraten und sich in die Verwaltung und die Einkünfte der Herrschaft teilten. Die Eintracht der beiden fand ein jähes Ende, als dasselbe Mädchen ihr Interesse wecken konnte. Zwischen den Brüdern entstand eine tiefe Feindschaft. Derjenige, der im Kampf um die Gunst der Schönen unterlegen war, ließ beim Hungerturm ein zweites Tor in die Burgmauer brechen, damit er dem Anderen nicht mehr zu begegnen musste.
Durch Tatkraft und Umsicht hatte sich Michael von Eitzing zum Wortführer der Stände aufgeschwungen. Der damalige Herrscher wollte die alten Rechte und Freiheiten des Adels zu seinem Vorteil schmälern und suchte Mittel und Wege, den ständischen Anführer zu beseitigen. Es fanden sich Verleumder und falsche Zeugen, und dem Eitzinger wurde der Prozess wegen Hochverrats gegen den Kaiser gemacht. Er wurde auf dem Hauptplatz von Wiener Neustadt, das sein Vorfahre einst vergeblich belagert hatte, enthauptet.
Die späteren Eitzinger konnten allen Anstrengungen und allen Verdiensten zum Trotz den langsamen Abstieg der Familie nicht aufhalten. Als der letzte von ihnen auf seinem ihm noch verbliebenen Schloss Schrattenthal starb, mochte für das ganze Geschlecht gelten, was der mächtigste Eitzinger am Ende seines Lebens von sich selbst gesagt hatte:


Der Mensch vergeht wie ein Schatten
und bemüht sich vergebens.
Er sammelt Schätze und weiß nicht,
wofür, zu welchem Ende.