Die Jungfrau im Moor


Eine Sage über die Entstehung von Schrattenthal
Überliefert durch Oberlehrer Karl Hauer


Wenn in früheren Zeiten Ritter, Kaufleute und fahrendes Volk den Rittsteig entlang zogen oder die Höhen des Manhartsberges überquerten, sahen sie des Nachts unter sich im Tal ein wundersames Leuchten und Glänzen. Das waren verirrte und verwunschene Seelen, die dort über das Moor huschten und im Schilf einen geisterhaften Reigen tanzten. Die Reisenden bekreuzigten sich dann, murmelten ein "Herr, schenk ihnen die ewige Ruh" und schritten schneller voran. Bald hieß die ganze weite Talniederung nach den Surmpfgeistern, die Schreteln genannt wurden, das Schretental.
Lange Zeit fand niemand den Mut, sich in dieser verrufenen Gegend in der Nähe der Sümpfe niederzulassen. Wie es dann doch zu einer Ansiedlung kam, wird von den Leuten so erzählt:
Einer der Hauer, die schon damals an den Abhängen der Hügel einen bescheidenen Weinbau betrieben, hatte eine wunderschöne Tochter, die hieß Maria. Zu der Zeit hauste auf seiner Burg in den tiefen Wäldern ein berüchtigter Raubritter. Als dieser das Mädchen einmal sah, war er sofort gefesselt von der lieblichen Erscheinung, und alsbald verlangte er Maria zu seiner Frau. Da seine wilde Werbung nicht erwidert wurde, raubte er sie kurzerhand und brachte sie auf seine Burg. Dort versuchte er durch Drohen und Bitten ihren Widerstand zu brechen doch Maria blieb fest.
In seiner Not verfiel das Mädchen schließlich auf eine List und überredete den Ritter, ihm in den Wald zu folgen, wo es ihm gelang, zu entkommen und sich in einem hohlen Baum zu verbergen. In seinem Zorn hetzte der Unhold seine Jagdhunde auf die Fährte der Jungfrau. Verzweifelt und beinahe von Sinnen vor Angst floh Maria in die großen Sümpfe des Schretentales, wo die Knechte und Hunde des Raubritters ihre Spur verloren und mitsamt ihrem Herrn im Moor erbärmlich umkamen.
Aber auch sie selbst verirrte sich in dem endlosen Schilf und fand im Wasser einen einsamen Tod.
Ein wandernder Mönch, der umherzog und predigte, kam bald nach dieser Begebenheit in jene Gegend. Er sprach den Eltern der Ertrunkenen Trost zu und ermutigte die erschreckten und aufgebrachten Bauern, die Sümpfe trocken zu legen und Ackerland zu gewinnen. Nahe dem Ort, wo das Mädchen versunken war, sollten sie zu Ehren der Jungfrau Maria eine Kirche errichten.
Willig folgten die Weinhauer dem Rat des frommen Mannes und bauten sich dann bei der Kapelle Unserer Lieben Frau ihre einfachen Hütten. Seither ruhte Gottes Segen auf dem neuen Dorf, und die armen Seelen im Moor fanden ihre Ruhe. Der gepflanzte Wein aber gedieh und war voll köstlicher Herbheit, herb und süß wie die Schönheit Marias, so sagten die Bauern.