Der unterirdische Gang


Eine Sage, die Schrattenthal und Pillersdorf verbindet.


Am oberen Ortsende des Dorfes Pillersdorf stand einmal eine kleine Burg. Als das Geschlecht der Rohrer in diesem seinen Festen Haus in Puslesdorf - so hieß der Ort damals - saß, gelangte ein Ritter von Rohr auch in den Besitz der Herrschaft Schrattenthal.
Der Lauf der Jahre war wieder einmal unruhig und das Leben der Bewohner von Dorf und Burg gefährdet und bedroht. Also ließ der Ritter von Rohr durch Fels und Erdreich einen Gang anlegen, durch den man sicher und unbemerkt von einer Feste in die andere gelangen konnte; an mehreren versteckten Stellen mündeten Fluchtwege ins freie Land.
In den Kriegszügen der tschechischen Hussiten wurden beide Burgen zerstört und die Zugänge der unterirdischen Verbindung verschüttet. Nachdem das Land wider befreit war herrschten die mächtigen Eitzinger in den Dörfern und Schlössern der ganzen Gegend.
Damals lebte ein Freiherr von Eitzing, den sein Ehrgeiz und sein Streben nach Ruhm im Dienste des Kaisers oft Monate und Jahre fern von seinem Schloss weilen ließ. Seine junge Frau blieb dann inmitten ihres Reichtums und umgeben von zahllosen Hofleuten einsam und freudlos zurück. In ihrem Alleinsein wandte sie ihre Aufmerksamkeit einem hübschen Edelknaben zu, der für die Falken und Jagdhunde des Schlossherrn zu sorgen hatte, und es gelang ihr, ihn unauffällig in ihre Nähe und schließlich in ihre Arme zu ziehen.
Doch ihr wiederholtes Zusammenkommen war nicht unbemerkt geblieben: Die alte treue Kinderfrau des Schlosses entdeckte ihren Verdacht dem Eitzinger. Als dieser darauf unerwartet heimkehrte, überraschte er die beiden im Gemach seiner Ehefrau. Der Jüngling konnte durch einen Sprung aus dem Fenster mit knapper Not der Wut des Freiherrn entkommen, die untreue Gattin aber wurde von diesem in das Verließ im Hungerturm der Burg Schrattenthal eingeschlossen.
Der geflüchtete Knabe verbarg sich im unzugänglichen Schilf der Teiche, die damals rund um die Stadt lagen, und sann auf einen Plan zur Befreiung seiner Geliebten. Weil aber schon sein Ahne im Dienst der Ritter von Rohr gestanden war, hatte er eine Erinnerung an die verfallenen Fluchtwege, und er versuchte, über einen der Gänge bis zum Gefängnis vorzudringen. Tagelang grub und schaufelte er die eingestürzten Gewölbe frei, dabei fristete er sein Leben mit Früchten, Fischen und Vogeleiern.
Der unversöhnliche Schlossherr hatte inzwischen erwirkt, dass seine Frau wegen ihrer Untreue zum Tod durch das Schwert verurteilt worden war. Er selbst wollte ihr diese Nachricht überbringen und sich in den tiefen Schacht des Burgverließ abseilen lassen. Aber seine Fackel leuchtete nicht in das bleiche Gesicht seines zitternden Weibes, sondern in ein schwarzes Loch im Fußboden, durch das die Gefangene befreit worden war.
Wütend, aber erfolglos durchsuchte der zum zweiten Mal Betrogene alle Verstecke und Schlupfwinkel der Umgebung. Von der geflohenen Freifrau von Eitzing fehlte jede Spur.
Später, als Trauer und Reue seinen Zorn verdrängt hatten, ließ der verlassene Burgherr immer wieder Nachforschungen anstellen; sie blieben alle ergebnislos. Wohin das Schicksal die beiden Flüchtlinge geführt hatte, davon drang nie mehr eine Kunde nach Schrattenthal.