Der Schimmel in der Kirche


Eine Sage aus Pillersdorf
Nach Rudolf Resch und Josef Schönhofer


In der Zeit, als die große Pest im Lande war, wurde auch das Dorf Pillersdorf vorn Schwarzen Tod heimgesucht. Viele Leute starben dahin, die anderen flüchteten in die Wälder und versteckten sich dort vor der Krankheit. So kam es, dass das Dorf menschenleer und wie ausgestorben da lag. Das Vieh schrie vor Hunger in den Ställen, und die Tiere rissen sich los und liefen auf dem freien Feld umher.
Auch ein Schimmel trottete verlassen durch das Dorf. Sein Herr war der Seuche zum Opfer gefallen und niemand kümmerte sich mehr um das alte Pferd. Der müde Schimmel kam schließlich zur Kirche des heiligen Wolfgang, die am Ortsrand auf einer kleinen Anhöhe stand.
Ein kalter Wind peitschte den Regen und trieb das Laub in die Kirche, denn das Tor stand Offen. Es gab keinen Priester mehr, der die Messe las, und so ging der Schimmel einfach in die Kirche hinein, um ein wenig Schutz zu suchen. Da wurde die Kirchentüre plötzlich von einem Windstoß zugeschlagen, und er war eingeschlossen. Als er hungrig wurde, fing er an, die Altartücher zu fressen und die Bänke zu benagen. Es vergingen Stunden und Tage, aber niemand kam, um zu beten oder die Glocken zu läuten.
Nach Monaten war die Pest aus der Gegend gewichen und die Menschen kehrten endlich in die Häuser zurück. Als die Pillersdorfer wieder in ihre Kirche gehen wollten, fanden sie dort ein totes Pferd, von dem nur mehr das Gerippe übrig war. So lange war das Leben in dern Dorf stillgestanden. Die Knochen des Schimmels begruben die Leute auf dem Platz neben der Kirche, von dem es heute noch heißt, dass dort ein Pestfriedhof gewesen sei.