Der dankbare Schrat


Eine Sage aus Schrattenthal, aufgezeichnet von Helmut Korherr.


Ein Bauer aus Schrattenthal mähte einmal seine weitab gelegene Wiese. Da vernahm er auf einmal eine dünne hohe Stimme, die um Hilfe bat. Die Rufe kamen aus einem großen Gesträuch mit langen dichten Zweigen, das Teufelszwirn genannt wird. Der Bauer legte seine Sense beiseite und näherte sich der verwachsenen Hecke. Da sah er, dass sich ein Schrat oder Schretl, wie die Zwerge in dieser Gegend genannt werden, in den Ranken hoffnungslos verfangen hatte. Vorsichtig, und nicht ohne etliche Kratzer abzubekommen, befreite ihn der Bauer aus dem Dickicht.
"Komm mit mir, ich will dich belohnen!" sagte der Zwerg dankbar. Er führte den Bauern zu einem versteckten Erdloch und verschwand darin. Zuerst ging es schräg abwärts und dann eine Weile eben dahin. Hier war es so eng, dass der Mann nur kriechend voran kam. "Genau so wie bei unserem Erdstall", dachte er und meinte damit die Zufluchtsstätte, die seit Generationen nur seiner Familie bekannt war, "und jetzt biegt sich der Gang sicher gleich nach rechts!" Nun waren die beiden bat einem senkrechten Schacht angelangt. Behände kletterte der Zwerg hinunter, während der Bauer einfach hinabsprang, wusste er doch, wie tief das Loch war. Es folgte wieder ein Schiefgang, der endlich in eine Kammer mündete.
Hier hatte sich die Familie des Erdschrats häuslich eingerichtet. Die Zwergenfrau schaute kaum von ihren Töpfen auf und werkte weiter an ihrem kleinen Herd. Am Tisch saß ein Zwergenbub und spielte mit winzigen Lehmfiguren. In der Stube krabbelte ein kleines Kind umher, während in einer Ecke ein Säugling friedlich in seiner Wiege schlief. Niemand kümmerte sich um den Riesen der da eingedrungen war. Der Zwergenvater aber rollte einen Lehmklumpen herbei. "Nimm ihn! Das ist der Dank für deine Hilfsbereitschaft!"
Unwillig steckt der Bauer den Klumpen ein. Er besann sich aber und nahm freundlich Abschied von den Schreteln bevor er wieder ans Tageslicht kroch. Er wusste, dass mit den Erdgeistern nicht zu spaßen war. Man erzählte sich von einem Holzfäller, der von einem Waldmännchen einen Föhrenzapfen, ein Bockerl, bekommen hatte und darüber sehr erbost gewesen sein soll. Dem war es dann schlecht ergangen, denn der Waldschrat hatte mit seinen Riesenkräften einen Baum ausgerissen und auf den Holzknecht geschleudert.
Unserem Bauern kam der Lehmbrocken auf dem Heimweg ungewöhnlich schwer vor. Er holte seinen Wetzstein aus dem Kumpf und kratzte damit ein wenig an der Oberfläche. Was da in der Sonne wie Gold glänzte, war echtes Gold! Freudig lief der Mann den Weg zurück, denn er wollte sich noch einmal, und herzlicher, bei dem Zwerg bedanken. Doch so lang er auch suchte, erfand das Erdloch nicht mehr. Von dem Eingang zu der Höhle war nichts mehr zu sehen.