Das Haarsieb und der Reiter


Sage aus Schrattenthal, überliefert von der Familie Lunzer.
Nach der Niederschrift von Oberlehrer Johann Danek.


Als vor langer Zeit die Franzosenkriege viel Not und Verwüstung über unser Land brachten, kam eine feindliche Truppe auch nach Schrattenthal. Da versteckten sich die Mädchen und jungen Frauen auf den Dachböden, oder sie richteten sich her, dass sie schmutzig und abstoßend aussahen, um den Soldaten nicht zu gefallen. Nur ein Mädchen erkannte die Gefahr nicht und blieb neugierig vor dem Haus stehen, als das Regiment in das Städtchen einzog. Da merkte es plötzlich, dass ein großer schlanker Reiter die Augen nicht von ihm abwenden konnte.

Erschrocken lief es hinein und schlug die Tür hinter sich zu.

 

Aber bald darauf, kaum dass die Franzosen Halt gemacht hatten, stand derselbe Soldat mitten in der Küche und begehrte von den Hausleuten höflich Kost und Quartier für sich und sein Pferd. Dabei blickte er das Mädchen dauernd freundlich an. Die Eltern wagten den ungebetenen Gast nicht abzuweisen. Dieser blieb und zog das schöne Kind durch sein gewinnendes Wesen immer mehr an sich.

Da ertönten nach wenigen Tagen unvermutet die Signale zu Aufbruch und Weitermarsch. Tief betrübt bat der französische Reiter das geliebte Mädchen zum Abschied um eine Locke von seinem Haupthaar. Die Mutter durchschaute aber das Verlangen des Franzosen. Auf ihren Rat zog das Mädchen einige Haare aus einem Mehlsieb, drehte sie zu einer Strähne und machte sie seinem Verehrer zum Geschenk. Dem blitzte ein freudiges Leuchten in den Augen auf. Rasch barg er das vermeintliche Kleinod unter seinem Hemd, und nach einem raschen Lebewohl eilte er zu seinem Regiment.
Sobald sich der berittene Zug in Bewegung setzte, blickte ihm ganz Schrattenthal mit erleichtertem Herzen nach. Aber kaum war der letzte Franzose in der Staubwolke verschwunden, den die Hufe der Rosse aufwirbelten, da, welch ein Wunder, rollte ein großes Haarsieb in raschem Lauf der Truppe hinterher. Ja, das Mehlsieb, dessen Haar der Soldat mitgenommen hatte, war durch seinen Zauber lebendig geworden, rollte durch das Stadttor auf die Landstraße und aus lauter Liebe dem fremden Reiter nach, auf Nimmerwiedersehen. So wäre es wohl dem Mädchen ergangen.